• 23. Oktober 2018
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[Victor in Argentinien] Ausschnitte aus dem letzten Patenbrief

Victor, seit 21 Monaten in Buenos Aires, erzählt uns in seinem letzten Paten­brief von einer Begeg­nung in seinem Viertel:

Liebe Paten,

(...) Vor unge­fähr einem Monat hat bei uns jemand an die Hau­stür geklopft. Es war ein unbe­kannter Herr namens Gustavo. Er war recht klein und hatte große Schwie­rig­keiten beim Spre­chen. Als er ein­trat und wir zusammen ein Glas Wasser tranken, erklärte er uns, dass ihm jemand von uns erzählt habe und er nun in der Hoff­nung gekommen sei, Hilfe von uns zu bekommen. Vor einigen Monaten habe er einen Unfall beim Arbeiten gehabt und sei aus dem dritten Stock gefallen. Wie durch ein Wunder habe er über­lebt, meh­rere Monate im Koma gelegen, sei jedoch nun kör­per­lich sehr beein­träch­tigt. Dies war deut­lich sichtbar, man sah, wie gebeugt er war, dass seine Arme und Beine krumm waren und er Atemnot hatte. Er erklärte uns, dass er auch Pro­bleme mit seiner Erin­ne­rung habe und alles ver­gesse. Er habe mit einer Behand­lung im Kran­ken­haus ange­fangen (um besser atmen zu können), dann jedoch den ent­schei­denden Termin ver­gessen und müsse nun alles wieder von vorn beginnen. Was er brauche, sei nichts weiter als jemand, der ihn an die Ter­mine der Behand­lung erin­nert und ihn zum Kran­ken­haus begleitet. Er fragte, ob er uns bezahlen müsse...
Am Vor­a­bend des Arzt­ter­mines klopften Gabriel und ich an seiner Tür, um ihn zu erin­nern (er wohnt in einem Räum­chen, im 2. Stock einer Ruine). Er öff­nete und bat uns herein. Dann fing er an, uns mit einer trau­rigen Stimme klarzu­ma­chen, dass es für ihn im Moment keinen Sinn mache, ins Kran­ken­haus zu gehen. Er sei „psy­chisch“ nicht ganz in Ord­nung. Sein „psy­chi­sches Pro­blem“ sei, dass er keine Lust habe zu leben und in ihm Selbst­mord­ge­danken auf­kämen. Er sei allein, er schaue fern, aber in Wirk­lich­keit inter­es­siere es ihn nicht, was im Fern­sehen läuft. Es inter­es­siere ihn seine Gesund­heit nicht, seine Ernäh­rung nicht – seine ein­zige Hoff­nung sei, ein­zu­schlafen und nicht mehr auf­zu­wa­chen. Wie hörten ihm gebannt zu und so erzählte er uns mehr von seiner Geschichte: Vor seinem Unfall hatte er ein Haus, eine Frau und drei Kinder. Nachdem sie die Folgen des Unfalls an Gustavo bemerkt hatte, hat seine Frau die Kinder genommen und ist zu einem anderen Mann gezogen. In sein Haus (für das er keine Papiere hat) war wäh­rend seines Koma­zu­standes eine andere Familie ein­ge­zogen. „Ich komme nun zurück und bin ganz allein in einem Räum­chen einer Ruine, nicht einmal zum Arbeiten tauge ich. Was ich jetzt brauche ist ein Freund, jemand, mit dem ich reden kann“.
Er wirkte sehr tief berührt, als wir ihm vor­schlugen, den Kran­ken­h­aus­be­such zu lassen und statt­dessen ein­fach zum Mate-trinken vor­bei­zu­kommen. Auch wir waren sehr glück­lich, diesen neuen Freund ken­nen­zu­lernen. Jene nächt­liche Begeg­nung war von Gott geführt. Zum Abschied sagte er uns, dass er hoffe, uns gut emp­fangen zu haben, denn er wün­sche, auch so einst im Hause Gottes emp­fangen zu werden, er sei „Sün­der“. Dann nannte er uns Freunde. Ich war sehr gerührt. Wie tief sind diese in der Stille und Ein­sam­keit lei­denden Men­schen doch in die mensch­liche Wirk­lich­keit ein­ge­drungen!

(...)

Wenn ich nun bald wieder nach Deutsch­land zurück­kehren werde, wird mein Abschied vom Viertel nicht leicht sein. Ich bin sehr froh über meine Gemein­schaft, die neuen Frei­wil­ligen, die nun für die Men­schen da sind, für die ich es nur noch im Gebet sein kann. Ganz beson­ders erfreut mich der Eifer und die Freude in der Mis­sion, die ich in meinen Gemein­schafts­ge­schwis­tern beob­achten kann. Der „Trost Gottes für die Stadt Zion“ ist auch mein Trost, denn ich kann nur sagen, er gilt für alle Zeiten. Ich habe in meinem Leben diese Erfah­rung gemacht und viele Men­schen aus dem Viertel sind in meiner Zeit hier von Gott nicht ver­gessen worden: „Kann denn eine Frau ihr Kind­lein ver­gessen, ohne Erbarmen sein gegen­über ihrem leib­li­chen Sohn? Und selbst wenn sie ihn ver­gisst: Ich ver­gesse dich nicht.“ (Jesaja 49,15)

Ich danke euch sehr für eure Paten­schaft.

Viele Grüße und bis bald,

Victor


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